Rechtsradikale demonstrierten in Bad Nenndorf (2015) unfreiwillig für die Entfernung von Nazitattoos

Rechtsradikale demonstrierten in Bad Nenndorf unfreiwillig für die Entfernung von Nazitattoos. Foto: Witzgall

Kennen Sie ihn, den ‘typischen Neonazi’? Diese Klischees, von wegen breitschultrig, martialisch, groß, kurzhaarig oder eben streng ‘bescheitelt’, aber vor allem… schwer tätowiert? Nicht immer mag jede Eigenschaft auch auf das jeweilige Anschauungsexemplar zutreffen, dennoch: Subkulturelle Einflüsse gibt es seit jeher in der Neonazi-Szene. Und während sich Frisuren in der Regel von selbst verändern, bleiben Tattoos ein Leben lang. Genau diese Ewigkeit sollte das einst ja auch symbolisieren. Damals, geprägt von viel (Selbst-)Bestätigung und nationalsozialistischer Ideologie. Doch was passiert, wenn diese Ewigkeit irgendwann doch endlich zu sein scheint? Selbst, wenn der tätowierte Neonazi aussteigt: Das Hakenkreuz bleibt nicht nur ein Nazi-Symbol, dass ihn täglich an die eigene Vergangenheit auf eine schmerzhafte Art und Weise erinnert – es bleibt eben auch verboten.
Tätowierungen, „Farbe auf der Haut“, Körperbemalung. Vom individuell gestalteten Kunstwerk, oder der Verzierung eines bis zur scheinbaren Perfektion trainierten Körpers, bis hin zum bekannten „Anker“, oder drei verschwommenen Punkten in der Daumenschneise, als Zeichen, nun für immer „zu den Bösen“ zu gehören: Wer sich tätowieren lässt, der setzt – zumindest beim ersten Mal – damit auch ein Zeichen nach aussen. „Ich bin (jetzt) tätowiert“. Es scheint sich damit ein neues Lebensgefühl zu entwickeln, ein Stück Identifikation. Man tätowiert sich – oder besser gesagt lässt sich meist das tätowieren, was einem in dieser Zeit eben wichtig ist. Manchmal möchte man vielleicht sogar an den jeweiligen Lebensabschnitt auch noch erinnert werden, wenn dieser vorüber ist. Für manche ist so etwas eben der Name der „ersten große Liebe“ – für Thomas* ist es das Konterfei eines SS-Soldaten.

Relikte der (Nazi-)Jugend: Alte Narben trüben den Alltag

Vor über fünf Jahren hat Thomas die Neonazi-Szene verlassen. Vieles hat sich seither normalisiert in seinem Leben, mehr noch: Über den Lebenswandel haben sich für ihn komplett neue Perspektiven ergeben, die er auch annimmt. Vieles dreht sich in seinem Leben heute also um seine Zukunft. Aber Thomas trägt tiefe Narben in seiner Haut, die ihn jeden Tag ein Stück zurückwerfen. Vor allem, weil er mit dem Ausstiegsprozess mehr und mehr das gesamte Ausmaß seiner neonazistischen Körperbemalung zu erfassen begann. Denn auf der einen Seite ist dort er, der Aussteiger, der diese Symbole jeden Tag an sich trägt und daran nicht immer leicht zu nagen hat. Aber die Aufarbeitung der früheren Ideologie beinhaltet natürlich auch: Zu verstehen lernen, dass man sich in dieser Zeit klar für die Seite der Täter positioniert hat.
Thomas steht Tätowierungen auch heute generell alles andere als negativ gegenüber. Für ihn würde jedoch einiges leichter sein, wenn er sich zumindest in seiner Neonazi-Zeit nicht körperlich bemalen hätte lassen, das lässt sich nicht bestreiten. Denn die abgelegte menschenfeindliche Ideologie, die ist ihm nach wie vor „als Kainsmal auf die Haut gezeichnet“, wie er es umschreibt. Ein Gefühl der Scharm liess ihn, seit seiner Abwendung von der Neonaziszene, seine Tattoos bedecken. „Über drei Jahre hinweg waren kurze Hosen für mich Tabu und bis heute – mehr als fünf Jahre nach meinem Ausstieg – kann und will ich wegen der Tattoos nicht öffentlich baden.“

Psychoterror auf der eigenen Haut – es begann mit dem „ersten Mal“…

An sein erstes Tattoo erinnert er sich noch sehr genau. Damals war er 17. Er hätte also, noch nicht volljährig, noch die elterliche „Genehmigung“ benötigt, um sich ganz legal „bemalen“ zu lassen – die er vermutlich auch bekommen hatte. Diesen „Körperschmuck“, wie Thomas es nennt, lehnte seine Mutter damals prinzipiell nicht ab. Sie sei selbst tätowiert. „Jedoch fragte ich meine Eltern trotzdem nicht, da sie mit dem Motiv – einem SS-Soldaten inklusive Runen – ganz sicher nicht einverstanden gewesen wären.“
In diesen, vorgeblich „revolutionären“ Kreisen gelten Regeln und Gesetze gemeinhin als „überbewertet“. Und so ging alles ganz unkompliziert: „Ich fuhr mit einem Kameraden zu Freunden von ihm. Ein bekannter Neonazi und rechtsextremer Sänger, der ein eigenes Tattoo-Studio betreibt, hatte gerade Zeit und scherte sich nicht um die Erlaubnis meiner Eltern, so war es auch ausgemacht..“ Ab diesem Tag prangerte auf seiner Wade dieses nationalsozialistische Konterfei. Es sollte nicht die letzte Tätowierung dieser Art gewesen sein. Wie Thomas geht es vielen Aussteigerinnen und Aussteigern aus dieser Szene. Einige berichten, dass für sie der morgendliche Blick in den Spiegel „reiner Psychoterror“ sei. Die Sache mit dem „nicht baden gehen“ wird besonders bei Neonazi-Aussteigern, die inzwischen selbst Eltern geworden sind, oftmals zu einem immer wiederkehrenden großen Hindernis im Alltag. Mit dem ideologischen Bruch wird aus dem einstigen „Körperschmuck“ eine immer tiefer zu sitzen scheinende offene Wunde.
Wie hoch ist der Preis, den ein Aussteiger oder eine Aussteigerin für seine oder ihre Vergangenheit bezahlen muss? Wer sich mit Menschen unterhält, die sich über Jahre in der Neonazi-Szene aufhielten, wird feststellen: Ein verbotenes Nazi-Tattoo gehört dort zum „guten Ton“. Es demonstriert Ewigkeit, tiefe Überzeugung. Es unterscheidet in manchen Kreisen „Scheitelträger“ von „freien Radikalen“. Das bedeutet natürlich auch, dass ein sehr erheblicher Anteil an Aussteigern entsprechend tätowiert ist. Dies sind Faktoren, mit denen Initiativen wie EXIT-Deutschland in ihrer täglichen Arbeit zu tun haben. Die Entfernung von Tattoos ist also ein Schritt, der irgendwann im Ausstiegsprozess dringend angegangen werden muss. Und es gibt Wege: Das „covern“ von Tattoos, also die Übermalung, macht aus mehreren kleinen Hakenkreuzen zum Beispiel einfach die Schuppen eines Krokodils. Mittels Laserentfernung ist es in einigen Fällen sogar theoretisch möglich, weitgehend den Ursprungszustand wiederherzustellen. Doch schon die Veränderung oder gar Entfernung einer einzigen, kleinen Tätowierung kostet viel Geld. Manche Aussteiger sind von Kopf bis Fuß übersät mit neonazistischer Symbolik. Manchmal übersteigen die Fälle derart die Möglichkeiten, dass nicht einmal ein Kostenvoranschlag angefertigt wird, wohlwissend, dass diese Summen eigentlich niemals aufzubringen sind.

„Nazis in Klebestreifen:“ Bühne frei für den unfreiwilligsten Spendenlauf Deutschlands!

Es gibt kaum einen besseren Ort, um sich ein Bild über „Nazi-Tattoos“ zu machen, als einen Neonazi-Aufmarsch bei warmen Temperaturen. Stichwort „kurze Hosen“: Bei Neonazi-Aufmärschen sind nicht nur per Strafgesetzbuch verfassungsfeindliche Symbole verboten, sondern zu großen Teilen auch extrem beliebte Zahlen-Codes, Merkmale, Sprüche und sonstige, eigentlich strafrechtlich unbedenkliche Zeichen dürfen per Auflage nicht gezeigt werden. Natürlich geht hier nicht „mal eben überstechen“. Notgedrungen müssen sich die Rechtsradikalen mit nicht sehr modischen Klebestreifen, oder eigentlich längst aussortiertenNPD-Aufklebern aushelfen, die den Hals oder die Hände, manchmal aber sogar die Stirn oder sogar den Gesichtsbereich überdecken. „Nazis in Klebestreifen“. Das hat an sich schon etwas humorvolles.
Und so verwunderte es wenig, dass sich die Initiative „Rechts gegen Rechts“ genau einen solchen Aufmarsch nun zum Anlass genommen hat, um auf die Komplexität des Themas aufmerksam zu machen.
Die Bühne: Am 1. August 2015 demonstrierten im niedersächsischen Bad Nenndorf wieder Neonazis aus dem Umfeld der freien Kameradschaften. Dort ging es wenig um Bürgerfang, der Aufmarsch hatte einen tiefen nationalsozialistischen Hintergrund. Es ging um Täter- und Opferverdrehung im zweiten Weltkrieg, es geht um Rache an den Alliierten, es geht um Leugnung deutscher Schuld und eine öffentliche Verhöhnung nahezu aller Opfer des Krieges und der Nazi-Diktatur.
Anders als beim ersten Lauf, als die Neonazis „für ihren eigenen Ausstieg“ liefen, sollen sie nun schon konkretere Hilfen leisten. Die Formel lautete „1min=10 EUR= 1cm2“. Es ist war also theoretisch möglich, dass ein rechtsradikaler Hobby-Tätowierer, der am Aufmarsch in Bad Nenndorf teilnahm, an diesem Tag ein kleines Bisschen Wiedergutmachung leistet.
Die Initiative wollte dem jeweiligen, tätowierten Neonazi hingegen nicht dabei helfen, künftig ohne Klebestreifen auf der Haut an Aufmärschen teilnehmen zu können. Es geht auch hier um Deradikalisierung und Ausstiegsperspektiven. „Verantwortung übernehmen und Anreize schaffen zur Entfernung“, sagte Fabian Wichmann, Mitarbeiter von EXIT-Deutschland. „Niemand darf sich der Illusion hingeben, wir würden ohne Weiteres die vollen Kosten für eine ‘neue Tätowierung’ übernehmen. Aber es gibt eben in unserer täglichen Ausstiegsarbeit Fälle, die unsere Grenzen übersteigen. Über den Spendenlauf soll hier die Möglichkeit einer Zu -finanzierung geboten werden.“
Aktuell verfügt EXIT, mit seinem Projekt ex-it, über ein Netzwerk von Tattoo-Künstlern, die sich bereiterklären, zu helfen. Es können aber gern noch mehr werden. Auch Spenden werden regelmäßig dafür benötigt. Interessierte können sich dafür gern bei EXIT-Deutschland melden.

ex-it

www.exit-deutschland.de

www.rechtsgegenrechts.de