Von Steven

Rassenwahn der Artgemeinschaft

Auch ein gestandener Nazi hat es Jahrzehnte nach der Niederwerfung des lediglich zwölf Jahre andauernden tausendjährigen Reichs nicht leicht. Da die Werkzeuge zur Schädelvermessung in Museen verstauben, die letzten selbsternannten Experten den Untergang ihres vermeintlichen Herrenmenschentums beweinen und auch da der Guru der völkischen Artgemeinschaft, Jürgen Rieger, seine letzte Reise nicht nach Neuschwabenland, sondern in die hungrigen Mäuler der Maden antreten hat, stößt auch der/die größte RassefanatikerIn auf Fragen zu seiner/ihrer Reinblütigkeit. Ach wie war für Nazis alles so leicht, als man den Ariernachweis  von einer höheren Autorität beglaubigt bekam und sich diesen nicht selbst ausdenken musste.

Nicht arisch genug?

Damals noch ein Nazi-Kader und damit Vertrauensperson, ideologisches Leitbild und – offensichtlich – höhere Instanz in Sachen Rassenbiologie zugleich, kam ein Kamerad schwer bedrückt zu mir und suchte meinen Rat. Den Blick unterwürfig gen Boden gerichtet erläuterte Andreas mir die neusten Erkenntnisse seiner Ahnenforschung: „Die eine Familienseite ist tadellos“, tönte der penibel Gescheitelte. „Bei der anderen“, nun wurde die Stimme kleinlauter, „hab ich etwas schlimmes entdeckt. Mein Großvater mütterlicherseits war Halbjude.“ Bei dem Wort „Halbjude“ versagte ihm die Stimme fast gänzlich. Die Schamesröte brachte das Gesicht über der Thorshammer-Kette völlig zum Glühen. Stockend setzte er erneut an: „Was soll ich denn jetzt tun? Ich habe mir schon überlegt mich umzubringen!“  Andreas, dessen Bauch das SS-Motto „Meine Ehre heißt Treue“ zierte, stieß auf einen Widerspruch seiner Ideologie, der für ihn nur durch seinen Tod zu lösen war.

Bis zum Tod und noch viel weiter…

Selbst hatte ich zu dieser Zeit schon deutliche Zweifel an dem biologistischen Rassenwahn, weswegen ich das Problem nicht in der Schärfe sah, wie es für Andreas schien. Erst im Laufe meines Ausstiegs und in der Reflexion meiner eigenen Ideologie wurde mir Bewusst, dass die Identität, die Andreas (und einst auch ich) über seine Abstammung und sein Blut generierte, so umfassend war, dass er sich selbst als Feindbild sehen konnte, welches es „aus dem gesunden Volkskörper auszuschneiden gilt“. Der/die Einzelne ordnet sich in seinem/ihrem Fanatismus dem wahnhaften Ideal von (Volks-)Gemeinschaft bedingungslos unter. Selbst den eigenen Tod nimmt er/sie in Kauf, solange dem höheren Zweck damit  genüge getan wird.

Ideologie macht blind

Ich riet Andreas vom Selbstmord ab. Es sei wichtiger was er denke, für was er einsteht, als was seine Abstammung vorgibt. Auch ich löste den Widerspruch innerhalb der Ideologie, anstatt zu erkennen, was sie anrichtet und sie aufzubrechen. Andreas blieb Nazi. Er verfolgte die nationalsozialistischen Ziele weiter. Wahrscheinlich ist er dabei unerbittlicher als vorher, da er die empfundene eigene Unzulänglichkeit nun als Hass auf seine Feinde projiziert. Damals waren das Gespräch mit Andreas und dieser Rat möglicherweise ein Schritt, der mich von dieser Ideologie weg trieb, da mich sein Todeswunsch nachhaltig irritierte. Heute kann ich darüber nur noch den Kopf schütteln und mich selbst fragen, warum ich meine eigene Wahnhaftigkeit nicht früher erkannte.